Die zusammengestellten Wirkungsfaktoren stammen aus einem kunsttherapeutischen Arbeitsbericht, der unter dem Titel „FreiRaum“, in der Zeitschrift Psychotherapeut 3, im Jahr 2005, erschienen ist.
1. Sinnlich-Ästhetisches Erleben von
Spielraum
Ein Atelier mit seinem einladenden Ambiente für Augen und Hände, mit seiner Fülle an künstlerischen Materialien, mit seinen Gerüchen und Farbspuren, hat Aufforderungscharakter. Es lädt ein zum Tun, zur Formgebung, zur freien Wahl des Materials, des eigenen Tempos, des eigenen Themas, zum Entwerfen und Verwerfen, zur spielerischen Handlung.
Kurz: Es stellt einen konkreten, individuell erfahrbaren "FreiRaum" dar, der in vielen Situationen des Leidens und der Abhängigkeit, die eine Krankheit oft mit sich bringt, ein Lichtblick im wahrsten Sinne des Wortes sein kann. Innerhalb einer Schule oder pädagogischen Institution mit ihren "Verplanungen" der Zeit, des Lernens, des Alltags und auch im verplanten Alltag einer Klinik erhält dieser Erfahrungsfreiraum für SchülerInnen und PatientInnen eine besondere Bedeutung.
2.Direktes Erleben von Ressourcen
Das sinnlich-ästhetische, aktive Handeln im bildnerischen Gestalten setzt bei vorhandenen Kräften an, nicht bei den Defiziten oder bei der Krankheit. Unabhängig von den gewählten Materialien bedeutet ein Gestalten eine aktivierende Erfahrung, die manchmal brachliegende Kräfte in Bewegung bringt und Funktionen übernehmen kann, zu denen das angeschlagene Ich oft nicht mehr in der Lage ist.
3. Direktes Erleben schöpferischer Prozesse
Eine breite Palette unterschiedlichster Lebensgefühle ist im schöpferischen Prozess erlebbar, im geschützten Raum des Materials und der therapeutischen Beziehung. Phasen tiefer Versunkenheit ... wechseln ab mit wacher, aufmerksamer Konzentration. Verzweiflung und Glück, Leidenschaft und Leere, Langeweile und Spannung werden im Kontinuum eines Prozesses, im schöpferischen "Auf und Ab" als zeitlich begrenzte Gefühle, aber auch in ihrer Intensität erfahrbar: Es entsteht ein Raum für korrigierende emotionale Erfahrungen, die das Selbst stärken können.
4. Möglichkeit des Ausdrucks und der Befreiung
5. Möglichkeit des Sichtbarwerdens von Individualität
(Innere) Bilder erhalten eine Form, eine Farbe, werden materialisiert und symbolisiert. Sie werden dadurch zu einem objektivierbaren Gegenüber, das sichtbar wird und dauerhaft, weniger flüchtig als Fantasie, vielleicht auch weniger bedrohlich. Es lädt zur Interaktion ein und lässt sich unter verschiedenen Gesichtspunkten, -formal-ästhetischen wie symbolisch-psycho- dynamischen-, anschauen. Es wird zu etwas Eigenem, zu einer authentischen Spur, zu Zeichen von Individualität und Identität.
6. Möglichkeit des Probehandelns
Bilder und Gestaltungen bedeuten Probieren, Verwerfen, Riskieren, verlangen andauernde Entscheidungsprozessen und lassen sich stets weiter verändern. Einen Rand setzen oder eine geschlossene Form dort, wo etwas ausufert, ein neues Blatt hinzunehmen, wo etwas abgeschnitten ist, das Vorhandene vergrößern oder verkleinern, den Blickwinkel wechseln, das Material wechseln oder das Format, neue bildnerische Möglichkeiten suchen, ein Bild falten, zerschneiden, zerreißen und neu zusammensetzen, Bildelemente übermalen, wiederholen, übertreiben, ausschneiden, umdrehen, neu ordnen, konzentrieren - all diese Erfahrungen im und mit dem Material ermöglichen konkretes Handeln und auch ein stellvertretendes Durcharbeiten, eine Bearbeitung von inneren Themen, mit der "Chance, eine symbolische Bewältigungsmacht über etwas zu erlangen, statt Opfer von etwas zu bleiben" (Grodeck 2002).
7. Möglichkeit zur Erinnerung
Sinnlich-ästhetische Gestaltungsvorgänge ... eröffnen in ihrer Entsprechung zu Tätigkeiten der ersten Lebensjahre einen direkten, erinnernden Zugang zu Kindheitserlebnissen, insbesondere auch zu den vorsprachlichen Erfahrungen, mit all den Gefahren, die darin liegen; hierauf weisen insbesondere Erkenntnisse aus der Traumaforschung hin. Sie finden vermehrt Eingang in die kunsttherapeutische Praxis und Theorie und setzen neue Akzentuierungen in der Vorgehensweise... Sie enthalten aber auch eine Chance des Zugangs zu jenen spielerisch-schöpferischen Kräften, mit denen wir als Kinder im Zusammenspiel von Denken, Fühlen und Tun unsere Welt entdecken.
8. Möglichkeit erweiterter Wahrnehmung
Bildnerisches Gestalten ermöglicht mit seiner sinnlich-ästhetischen Qualitäten eine Vertiefung der Wahrnehmung, eine Verfeinerung der Sensibilität, damit aber auch eine Erweiterung des "gewohnten" Blicks und des Blickfelds. Eine eigene Wahl der Distanz bedeutet eine eigene Positionierung. Das eröffnet Distanzierungsmöglichkeiten und zugleich neue Sichtweisen auf Krisen und Krankheiten und deren Bewältigungsformen.
9. Möglichkeit zusätzlicher Kommunikation
Über die Bildsprache entstehen zusätzliche Kommunikationswege, jenseits der Wortsprache. Insbesondere dort, wo entwicklungs- oder krankheitsbedingt dem Ausdruck und der Verständigung in Worten Grenzen gesetzt sind, ermöglicht der Ausdruck in einem gestalterischen Medium eine neue und tiefe Ebene der Kommunikation.
10. Möglichkeit der Erkenntnis
Kunst als besondere Variante des menschlichen Erkenntnisvermögens erhält im kunsttherapeutischen Kontext unter der Perspektive der Einsichtsvermittlung eine zentrale Bedeutung. Erkenntnischancen entstehen sowohl über Bildform, Bildinhalt und über den Prozess des Entstehens und ermöglichen umfassende Lernprozesse, in kognitiver und emotionaler Hinsicht, auch bei spontan entstehenden Bildern. Zudem enthält der Blick auf wahrnehmbare Differenzen zwischen Bild-, Wort- und Körpersprache diagnostische und therapeutische Möglichkeiten... Die Bildsprache eröffnet Zugang zu Lösungswegen, die in Bildern oft neben dargestellten Konfliktsituationen erkennbar werden...